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«Digitalisierung ausprobieren, statt alles bis zur 6. Kommastelle zu reglementieren»

erstellt am 14 November 2017 durch Theo Martin Bild: zvg/swiss.image.ch/Andy MettlerBild: zvg/swiss.image.ch/Andy Mettler

An der Digitalisierung führe kein Weg vorbei, machte Bundespräsidentin Doris Leuthard am Europaforum in Luzern klar. Sie forderte die über 500 anwesenden Unternehmer auf Projekte zu starten, auch wenn nicht immer alles gelinge.

ABB-CEO Ulrich Spiesshofer erinnerte zu Beginn des Europaforums an das Tempo des Wandels. Sein über 80-jährige Vater habe unlängst gestaunt, dass heute über eine Million Menschen das Jungfraujoch besuche – und das dank besserer Steuerungen auf den gleichen Schienen wie früher. Und wer hätte noch vor zwei Jahren gedacht, dass jemals ein Roboter ein Sinfonieorchester dirigieren würde?

 

Leitmotto «Die digitale Revolution»

Die 4. industrielle Revolution sei anders als frühere Umbrüche. Denn es gehe um Denkprozesse im Hirn. Das betrifft jeden einzelnen Arbeitsplatz. Die Geschwindigkeit der Veränderung sei deshalb viel grösser als bisher. Spiesshofers Credo: «Wir müssen das als Chance sehen.» Denn wer die digitale Revolution sinnvoll eingesetzt, schaffe Kundennutzen.

Ein Beispiel: Das neue Stromnetz müsse intelligent gesteuert werden. Trotz schwankender erneuerbarer Energien und komplexerer Abnahmestrukturen müsse jeder verlässlich zu jeder Zeit Strom bekommen. Wie macht man das? Durch künstliche Intelligenz könnten Schwankungen vorausgesehen werden. Auch könne so die Umrüstzeit einer Autofirma auf ein neues Modell um 80 Prozent reduziert werden.

 

Nicht ohne die Menschen

Das bedeute, dass dank Digitalisierung besser gefühlt und gemessen werden könne. Es stehen besser Datenbasen zur Verfügung. Die wesentlichen Erfolgsfaktoren seien die Sicherung der Teilnahmerechte Partizipation und die Differenzierung gegenüber der Konkurrenz. ABB bietet deshalb intelligente Roboter an, die auch messen können. Die industrielle Revolution werde ohne Menschen nicht funktionieren.

Im Moment haben viele Leute Angst. Doch in den letzten 50 Jahren kamen mehr Menschen aus der Armut heraus als früher. Die zweite grosse Angst ist, dass der Roboter die Arbeit wegnimmt. Zufall? Heute ist es so, dass die drei Länder mit der grösste Roboterdichte zugleich die niedrigste Arbeitslosenquote aufweisen. Eine Konsequenz des hohen Tempos sei, dass Wechsel nicht mehr von Generation zu Generation stattfinden, sondern innerhalb einer einzelnen Generation passieren.

Die Schweiz habe eine Chance – auch dank verlässlicher politischer Rahmenbedingungen. Gewinnen werde, wer es schaffe, die neuen Technik zum Kundennutzen einzusetzen, den Menschen die Ängste zu nehmen und die Ausbildung anzupassen.

 

Leuthard sieht Europa im Sandwich

Bundespräsidentin Doris Leuthard sagte, dass die digitale Revolution momentan alle Departemente beschäftigt. Europa liege im Sandwich zwischen den USA und China. Kein europäisches Tech-Institut ist heute in den Top-10. In China gab es am 11. November am Singles' Day 325'000 Bestellungen pro Sekunde. In der Schweiz, so Leuthard, werde dagegen viel zu sehr über Datenschutz gesprochen.

Obwohl unsere Trümpfe eigentlich gut wären, gibt es vorerst nur wenig Lichtblicke. Der Bundesrat hat deshalb 2016 die Strategie Digitale Schweiz geschaffen. Er will damit die Wichtigkeit des Themas zum Ausdruck bringen. Man müsse einfach einmal beginnen, forderte Leuthard. Und so flexibel bleiben, dass man Strategien schnell wieder anpassen können – statt alles bis in die 6. Kommastelle zu überdenken und zu reglementieren.

Estland hat die Digitalisierung top-down verfügt. Deutschland hat bereits Regeln für das autonome Fahren geschaffen. Die Schweiz war diesbezüglich zurückhaltend. So sind beispielsweise die Drohnen nicht reglementiert. Auch der Bereich der Glasfasernetze wurde nicht reglementiert. Erst wenn eine Versorgung geschaffen ist, werde reglementiert, versprach  Leuthard.

 

Einen Schub auslösen

Die 3000 öffentlichen Plattformen seien untereinander nicht verlinkt oder verbunden. Erst 2019 komme nun die elektronische MwSt-Abrechnung. Diejenigen Staaten, die beim eGovernement vorne sind, seien auch sonst an der Spitze, so Leuthard. Zentral sei die eIdentity, die nächstes Jahr ins Parlament kommen wird. Das werde generell einen Schub auslösen. Bei der EU werde dagegen mit immer noch strengen Schutzregelungen gearbeitet.

Leuthards Sorge: Das Sozialversicherungsrecht passe für die neue Welt nicht mehr richtig. Was können die Sozialpartner regeln und welche Grundregeln des Staates braucht es? Leuthard versprach, dass der Bund im nächsten Jahr Vorschläge machen werde.

 

Weltweite Regeln schaffen

Die Schweiz organisiert in einem Monat ein eGovernement-Forum der UNO. Es geht Leuthard um den Umgang mit Daten. Ohne Regeln würden die Amerikaner ihre Marktmacht vorantreiben und auch China werde eine Parallelwelt schaffen. Der Bundesrat ist überzeugt, dass die Digitalisierung nicht bequem ist und schmerzt, aber kein Weg daran vorbei führt.

Das Europaforum Luzern ist nach eigenen Angaben die führende nationale Veranstaltung zu Fragen über Europa und die Schweiz. Es informiert unabhängig und neutral über die neusten Entwicklungen in Europa und die Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft und Politik.

 

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