Autoren: Sibylla Amstutz und Prof. Dr. Peter Schwehr
Ein Bürogebäude muss sich rechnen. Keine Frage. Doch bei der Planung eines solchen Gebäudes nur auf ökonomische Faktoren zu achten, kann sich leicht als Irrweg erweisen. Es ist vielmehr notwendig, das System Office ganzheitlich zu betrachten – als ein System, das aus den Komponenten Organisation, Mitarbeitende und Gebäude besteht. Das optimale Zusammenwirken dieser drei Komponenten entscheidet darüber, wie leistungsfähig das gesamte System ist. Dass dabei vor allem die Mitarbeitenden verstärkt in den Fokus gerückt sind, hat seinen Grund: Sie spielen beim Erfolg oder Nichterfolg von Bürogebäuden eine zentrale Rolle. Bietet ihnen das Arbeitsumfeld nicht die Möglichkeit, ihr Leistungspotenzial optimal zu entfalten, hat das entsprechende Gebäude seine Bestimmung verfehlt.
Was ein gutes Arbeitsumfeld ausmacht und wie die derzeitige Realität in schweizerischen Bürogebäuden aussieht, das hat das Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP) der Hochschule Luzern – Technik & Architektur in Zusammenarbeit mit dem Institut für Facility Management der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften untersucht. Im Forschungsprojekt human building office wurden in insgesamt 46 Bürogebäuden die drei Komponenten Organisation, Mitarbeitende und Gebäude analysiert und gegenübergestellt. Die Ergebnisse für den Faktor Mensch sind hier zusammengefasst.
My office is my castle
Ob sich die Mitarbeitenden in einem Büro wohl fühlen und ob sie zufrieden sind, hängt vor allem von zwei Faktoren ab. Das eine ist die Privatheit: Gemeint ist damit die individuelle Regelung von sozialer Nähe und Distanz. Das beinhaltet also die Möglichkeit, sich gegenüber sozialen Interaktionen zu öffnen (um beispielsweise Informationen auszutauschen) oder sich vom sozialen Umfeld zurückzuziehen (etwa um ungestört zu arbeiten oder vertrauliche Gespräche zu führen).
Der zweite Punkt ist die Einflussnahme oder Kontrolle: Dieses Kriterium umschreibt den Wunsch, die Arbeitsumgebung und den funktionalen Komfort, also etwa Licht, Wärme oder Luftzufuhr, so zu verändern, dass sie das Arbeitshandeln unterstützen. Dazu zählt, als wichtige Voraussetzung für die Identifikation mit einer räumlichen Umgebung, auch die Möglichkeit zur individuellen Gestaltung des Arbeitsplatzes. Durch das Aufhängen von Bildern oder das Aufstellen von persönlichen Gegenständen wird ein Raum anders wahrgenommen. Es ist nicht mehr irgendein Raum, sondern wird für die betreffenden Personen zu einem speziellen Raum.
Ruhe bitte!
Von den untersuchten Office-Formen sind Gruppen- und Grossraumbüros weit verbreitet. Sie haben den Vorteil, dass durch die offene Struktur die Kommunikation zwischen einzelnen Mitarbeitenden und Teams unterstützt wird. Zudem sind die Raumstrukturen vielfältig und flexibel nutzbar, und es können, im Gegensatz zu Zellenbürostrukturen, Flächenkosten pro Arbeitsplatz eingespart werden. Es gibt aber auch viele Nachteile. Denn die Anzahl der Personen in einem Büroraum übt einen negativen Einfluss auf Privatheit und Einflussnahme aus. Lärm, Temperatur, Ablenkung und, da viele Büros überbelegt sind, auch räumliche Enge nehmen zu – und entsprechend die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden ab.
Doch es geht auch anders: Abgrenzungen zwischen den Arbeitsplätzen, zum Beispiel mit schallschluckenden Oberflächen, reduzieren den Lärmpegel, grössere Arbeitsplätze schaffen die nötige Distanz zum Nachbarn, Rückzugsräume für ungestörtes Arbeiten erhöhen die Konzentration und geben die Möglichkeit zu vertraulichen Gesprächen. Dass die Realität allerdings oft anders aussieht, ergaben die Befragungen durch das CCTP. In Gruppen- und Grossraumbüros
• fühlen sich über 70% der Befragten oft bis immer durch Geräusche und Gespräche gestört, vor allem Gespräche zwischen Kolleginnen und Kollegen sowie Telefongespräche werden als Störquellen genannt
• werden über 40% visuell abgelenkt
• bemängeln 55% eine unzureichende Abgrenzung zwischen den Arbeitsplätzen
• empfinden rund ein Drittel ihren Arbeitsplatz als zu klein
• hält ebenfalls ein Drittel die Distanz zu den anderen Mitarbeitenden für zu gering
• steht fast 80% kein respektive ein zu geringes Raumangebot zur Verfügung, um optimal arbeiten zu können
• beklagen über 75% ein unzureichendes oder fehlendes Angebot an Entspannungsund Erholungsräumen
Kommunikation an der Kaffeetheke
Moderne Formen der Arbeitsorganisation sind geprägt durch wechselnde Teams, unterschiedliche Arbeitspensen, -zeiten und -orte. Das stellt grosse Herausforderungen an die Kommunikation innerhalb eines Unternehmens. Die Raumstruktur und das Raumangebot müssen deshalb so beschaffen und gestaltet sein, dass die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden und den Teams optimal unterstützt wird – ohne dass andere Personen dadurch gestört werden. Das gilt sowohl für die formelle Kommunikation, die auf den offiziellen Wissensaustausch in einem Unternehmen fokussiert ist, wie auch für die informelle Kommunikation. Das ist die Kommunikation, die etwa beim Kopierer oder in der Cafeteria zwischen den Mitarbeitenden stattfindet. Ihr Nutzen für eine hohe Produktivität ist unbestritten, weshalb sie inzwischen von einigen Unternehmen gezielt gefördert wird.
Noch aber steht die Kommunikationssituation in den meisten Office-Gebäuden auf wackeligen Beinen. Die Hälfte der Befragten hat keine oder nur eingeschränkt die Möglichkeit, spontan einen Raum für Besprechungen zu nutzen, für rund ein Drittel ist der Zugriff auf einen Sitzungsraum so gut wie nicht möglich. Und 60% bemängeln, dass sie innerhalb der Arbeitsumgebung keine vertraulichen Gespräche führen können. Die Arbeitsumgebung im Allgemeinen wird dagegen von den Befragten besser beurteilt. Rund 70% geben an, dass die Arbeitsumgebung die Teamkommunikation unterstützt und Personen räumlich gut zugänglich sind.
Ein Beispiel für eine Office-Form, in der die Kommunikationsmöglichkeiten schon relativ gut umgesetzt sind, ist das Kombibüro. Es besteht aus einer Zellen- oder Gruppenbürostruktur und einer grosszügigen Kommunikations- und Erschliessungszone. Der Vorteil dieses Bürotyps ist, dass die Mitarbeitenden Einfluss auf ihr Arbeitsumfeld nehmen und soziale Nähe und Distanz regulieren können. Für die informelle Kommunikation dienen Sozialflächen und grosszügig bemessene Verkehrswege. Die Nachteile sind, wie bei Zellenstrukturen generell, die mangelnde Flexibilität und Anpassbarkeit des Grundrisses.
Von allem ein wenig
Es ist also wie so oft: Auf die richtige Mischung kommt es an. Die Ruhe in einem Zellenbüro, die strukturelle Flexibilität eines Grossraumbüros, die Kommunikationsecken eines Kombibüros – ein wenig von allem wäre nicht schlecht. Den Unternehmen und Investoren muss auf jeden Fall bewusst sein, dass nicht nur ökonomische Faktoren in der Kalkulation berücksichtigt werden müssen, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden, die durch das Arbeitsumfeld wesentlich beeinflusst wird.
Letztendlich entscheidet also die Funktionalität und damit der Nutzende über Erfolg und Nichterfolg eines Gebäudes. Aus diesem Grunde ist es zwingend, dass Planung und Optimierung von Office-Gebäuden im Team aus Architekten, Vertretern der Geschäftsleitung und auch der Mitarbeitenden stattfinden. Unternehmen sollten darauf eingehen – es ist ein erfolgversprechender Weg. |