Nicht erst seit der Begriff "Datenaffäre" unter den ehemaligen Staatsbetrieben in unserem nördlichen Nachbarland die Runde macht, ist mir klar, dass unsere persönlichen Angaben nachhaltigen Schutz verdienen. Uns ist das klar, sollte ich wohl eher sagen, denn da herrscht mal endlich Einigkeit. Es kann schliesslich nicht angehen, dass man zum gläsernen Mitarbeiter wird, nur weil man unvorsichtigerweise seine drei Kreuze unter einen Vertrag gepinselt hat. Und genau deswegen setzen wir uns seit geraumer Zeit zur Wehr. Stimmt schon, negative Vorkommnisse gab es in der Vergangenheit eigentlich nicht zu verzeichnen, aber wie sagte Kollege Müller anlässlich unserer Versammlung so treffend: "Sollen wir ihnen das durchgehen lassen, bis wirklich mal etwas passiert?"
Deswegen wurden Regeln aufgestellt. Klare, strikte Regeln, ein Anfang nur, aber perfekt dazu geeignet, die Privatsphäre jedes einzelnen zu schützen. Unter anderem müssen jetzt drei Zeugen anwesend sein, wenn jemand anruft, um sich krank zu melden, damit dem oder der Bettlägerigen keine Fragen gestellt werden, die über das gesetzlich festgeschriebene Mass an Auskunftspflicht hinausgehen. Hat den Nachteil, dass der Anrufer oft zehn Minuten in der Leitung hängt, bis sich die drei geforderten Zuhörer um das Telefon versammelt haben, aber immerhin darf er sich dann rundum privat fühlen. Falls Haltiner aus dem nächsten Büro dringend auf eines meiner Mails zugreifen muss und ich gerade nicht verfügbar bin, gibt es ebenfalls eindeutige Zuständigkeiten. Er benötigt a) mein Passwort, b) den allgemeinen Autorisierungscode X13 sowie c) die Anwesenheit von Systemadministrator Urs, der sicherstellt, dass auch nur das im vorher auszufüllenden Antrag genau bezeichnete E-Mail und kein unnötiger Buchstabe mehr gelesen wird.
Ineffizient nennen Sie das, mag sein, aber wie schnell mit persönlichen Daten Missbrauch getrieben werden kann (sprich: wie sehr wir mal wieder Recht hatten), zeigt ein brandaktuelles Beispiel. Um unserer Firmen-Homepage einen persönlicheren Touch zu verleihen, wollte unsere Geschäftsleitung alle Mitarbeitenden mit einem Portrait-Foto und einer kurzen Beschreibung vorstellen. Mit Verlaub: Wo kämen wir da denn hin? Schnell war eine Versammlung einberufen, und ebenso schnell war beschlossen: So geht das mal gar nicht! Unsere Namen, okay, damit können wir uns einverstanden erklären, aber weitere Angaben wie akademische Titel, Dauer der Firmenzugehörigkeit oder gar so private Dinge wie Hobbys gehen niemanden das Geringste an. Vor allem wollten wir aber verhindern, dass unsere Fotos veröffentlicht werden. Kollege Müller will "nicht an jeder Messe und in jeder Beiz erkannt" werden, Marketing-Assistentin Ludmilla faselte etwas von "wenig fotogen" (was böse Zeitgenossen unter Einsatz der vorgehaltenen Datenschutz-Hand mit "zu klein für ihr Gewicht" übersetzten), aber den meisten ging es völlig zu Recht "einfach ums Prinzip". Und so wurde gemeinsam mit der Geschäftsleitung die für alle Seiten beste Lösung gefunden – man kann ja miteinander reden. Unter "Team" finden sich nun einheitlich für jeden von uns seine Funktion im Team, sein Name (der Vorname abgekürzt!) und ein Bild, das durch einen schwarzen Balken über die Augen unkenntlich gemacht wurde. Da fühlt man sich doch gleich richtig verstanden. Jetzt muss ich Schluss machen, schliesslich sollen noch die Fotos vom letzten Firmenausflug auf Facebook hochgeladen werden. Bilder haben wir da geschossen, kann ich Ihnen sagen, kein Wunder, so wie wir beim Kirsch zugeschlagen haben…
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