«Ich bin durch eine harte Schule gegangen!»
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Ivar Niederberger leidet unter dem Tourette-Syndrom, zusätzlich ist er Legastheniker – nicht gerade die besten Voraussetzungen, um sich als Unternehmer durchzusetzen. Doch Ivar Niederberger hat es geschafft, mehr noch, mittlerweile berät er sogar andere Unternehmer auf ihrem Weg zum Erfolg, und hat ein Buch veröffentlicht, dessen Botschaft sich tatsächlich in einem Wort – dem Titel – zusammenfassen lässt: TUN! |
Die Geschichte klingt nach einem modernen Märchen: Ohne Lehrabschluss, dafür mit umso mehr Ehrgeiz und Tatendrang ausgestattet, hat es Ivar Niederberger zum mehrfachen Millionär gebracht. Am Anfang der Erfolgsstory stand der Verkauf von Bekleidungsrestposten unter Niederbergers Label «Kleidi». Heute sind die Filialen über die gesamte Schweiz verteilt, es gibt 150 Mitarbeitende. Ivar Niederberger ist zum Immobilienhändler geworden und er möchte Jungunternehmer fördern. Einen Weg, um seine Botschaft weiterzugeben, sieht Niederberger in seinem Buch: «TUN – Glück schreibt man mit drei Buchstaben». Blickpunkt:KMU hatte die Gelegenheit, Niederberger in seiner luxuriösen Wohnung zum Interview zu treffen, und wir bekamen einen Eindruck von wahrer Freude an der Arbeit und wie jemand den Mut fassen kann, ein Buch zu schreiben, ohne selbst je eines gelesen zu haben.
Wann und wie haben Sie den Entschluss gefasst, sich als Unternehmer selbständig zu machen?
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Ivar Niederberger: Mit viel Einsatz zum Selfmade-Millionär
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I. Niederberger: Ich hatte von Kindesbeinen an ein Ziel. Mein Vater hatte einen Kollegen, bei dem wir oft zu Gast waren – und dessen Haus beeindruckte mich so sehr, dass ich immer wusste: So will ich auch einmal wohnen. Genau das hatte ich immer klar vor Augen, doch ebenso klar war für mich: Um es zu erreichen, muss ich etwas tun. Meine schulischen Leistungen waren gelinde gesagt katastrophal, eine Anlehre als Carosseriespengler brach ich vorzeitig ab. So konnte ich aber mit einer gewissen Freiheit meinen Berufsweg starten, mit dem ich vor allem möglichst viel Geld verdienen wollte. Ich wusste immer, dass ich gerne arbeite, hatte aber noch keine Vorstellung, welche Tätigkeit mir Erfüllung bringt oder wohin der Weg führen sollte. Damals, 1989, gestaltete es sich einfach, eine Stelle zu finden, deshalb jobbte ich in den verschiedensten Bereichen: Chauffeur, Dachdecker, Pneu-Monteur, Messebauer, Türsteher – heute würde ich das rückblickend als meine Lehrzeit bezeichnen. Ich lernte viele Menschen kennen und konnte eine Menge Erfahrung sammeln. Nach mehreren Anstellungen im Verkauf erkannte ich mit 21 Jahren, dass ich mich im Handel selbständig machen wollte. Das Prinzip: Restposten billig einkaufen und schnell wieder verkaufen, im eigenen Boutiqueverkauf oder an andere Boutiquen.
Freude an der Arbeit entscheidet
Das klingt schrecklich einfach – gibt es etwas, das Sie als Ihr Erfolgsrezept bezeichnen würden?
I. Niederberger: Wer sich selbständig machen möchte, darf nicht mit dem Ansatz starten, dass ein neues Unternehmen gleich die Leasing- Rechnung fürs Auto, die teure Wohnung und zwei Urlaube pro Jahr übernehmen muss. Als ich angefangen habe, ging ich nebenbei am Wochenende noch als Türsteher arbeiten. Während andere in der Disco 200 Franken ausgaben, habe ich 400 verdient. Wie gesagt: Ich arbeite gern, und so hatte ich auch meinen Spass und konnte dabei noch eine nette Summe mit nach Hause genommen. Da meine Lebensunterhaltskosten extrem niedrig waren, konnte ich praktisch alles Geld, das mein Unternehmen erwirtschaftete, direkt reinvestieren. Weil ich mein Geschäft nicht aussaugte, war ich relativ schnell in der Lage, weitere Läden zu eröffnen. Wer sich nur wegen des Geldes selbständig macht, wird keinen Erfolg haben. Der wichtigste Grund ist die Freude an dem, was man tut, an der Arbeit selbst. Und die Befriedigung, die daraus entsteht: Wer etwas unternimmt, leistet etwas für sich und die Gesellschaft, er schafft Werte und Arbeitsplätze.
Man hört oft genug von Unternehmern, dass ihr Umfeld sie vor dem Schritt in die Selbständigkeit gewarnt hat. War das bei Ihnen auch der Fall?
I. Niederberger: In meinem Buch gibt es zu diesem Thema ein Kapitel – ein recht hartes. Wer sich selbständig machen möchte, muss als ersten Schritt sein Umfeld systematisch überprüfen. Man muss die Leute hinter sich lassen, die alles nur negativ sehen und sich damit selbst zu Verlierern stempeln. Stattdessen sollte man sich mit Menschen umgeben, die positiv denken und handeln, die Erfolg haben. Ich hatte das Glück, genau ein solches Umfeld zu haben. Deswegen haben mich eigentlich alle in meinem Weg bestärkt.
Verstehen Sie mich richtig: Ich bin Legastheniker, aber ich kann gut rechnen. Wenn mir jemand eine Geschäftsidee präsentiert, und ich merke, die Kalkulation geht nicht auf, dann sage ich das demjenigen auch schonungslos. Doch gleichzeitig überlege ich gemeinsam mit ihm, an welcher Stelle man etwas ändern muss, damit die Idee funktionieren kann. |
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Ivar Niederberger
TUN
Glück schreibt man mit drei Buchstaben
Münster Verlag
978-3-905896-05-3 |
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Politik? Ohne mich!
Sie sagen, dass Menschen mit Businessplänen zu Ihnen kommen, Jungunternehmer zu fördern, scheint Ihnen ein wichtiges Anliegen zu sein. Welchen Stellenwert nimmt dieses Engagement zeitlich ein?
I. Niederberger: Jeder sollte seinen Mitmenschen etwas weitergeben, vor allem, wenn er selbst erfolgreich ist. Die Politik kommt für mich nicht in Frage, weil stundenlange Diskussionen, die dann doch in Kompromissen enden, nichts für mich sind. Deswegen habe ich meine Ansichten in einem Buch aufgeschrieben, so können andere darüber diskutieren, ohne dass ich dabei sein muss. Um auf Ihre Frage nach der Zeit zurückzukommen: Mein Tagesablauf muss fliessend sein. Wann immer ich die Gelegenheit finde, sehe ich mir an, was mir die Leute beispielsweise in E-Mails präsentieren. Und ich biete an, dass mich Interessenten einen Tag lang begleiten. Wir fangen morgens um halb neun an, der jeweilige «Besucher» kann mir den ganzen Tag lang Fragen stellen, beobachten, wie ich mit anderen kommuniziere, ich nehme ihn auch mit zu Terminen mit Kunden oder Lieferanten.
Was hat Sie motiviert, ein Buch zu schreiben?
I. Niederberger: Nach einem Interview in der Fernsehsendung «Aeschbacher» habe den Entschluss gefasst. Der Prozess dauerte bei mir vermutlich länger als bei den meisten anderen Autoren. Ich schrieb immer wieder ein Stück, dann gab es Pausen, ich legte das Manuskript völlig zur Seite, dann musste ich mich beim nächsten Anlauf überhaupt erst wieder einlesen, dafür konnte ich auch neue Erfahrungen einfliessen lassen. Mein grosser Nachteil war vermutlich: Ich hatte vorher selbst nie ein Buch gelesen. Deswegen fiel mir besonders schwer, die geschriebenen Teile in ein grosses Konzept zu fassen. Wichtig war mir vor allem, ein Buch zu erschaffen, das jeder verstehen kann, und das damit jeden motivieren kann.
Ein befreundeter Unternehmer hatte mich schon zu Anfang des Projekts gewarnt, dass die Suche nach einem Verlag sehr schwierig werden könnte. Ich ging ganz naiv direkt zum grössten Basler Verlag und gab mein Manuskript ab. Nach längerem Hin und Her vermittelte man mich zum Münster Verlag, der mir das Buch dann abkaufte. Die Suche erwies sich also als wesentlich unkomplizierter, als man mir das angekündigt hatte …
Was dich nicht vom Stuhl haut, macht dich stark!
Sie leiden am Tourette-Syndrom, das Thema Legasthenie haben Sie bereits selbst angesprochen. Gerade in Ihrer Position und Branche müssen Sie viel verhandeln und Ihre Position durchsetzen. Hat die Krankheit hier in irgendeiner Form Einfluss?
I. Niederberger: Ich habe das Tourette-Syndrom mit etwa sechs Jahren geschenkt bekommen – oder besser gesagt, dann wurde es erkannt. Jugendliche gehen ihrer Natur nach immer auf den Schwächsten los. Sie suchen denjenigen mit den kürzesten Hosen, mit dem schlimmsten Mundgeruch, mit den feuerroten Haaren. Sie identifizieren «das Projekt» und gehen darauf los. Die Ganze Masse kommt auf dich zu, auch bei mir ist das so passiert. Als dann der Wortführer vor mir stand und mal vorsichtig anfing zu sticheln, merkte er schnell, dass ich zu denjenigen gehöre, die immer retour geben … nicht mit der Faust, aber verbal.
Wenn man es dann schafft, dass die Masse das lustig findet, hat man schon gewonnen. Dann könnte man eigentlich selbst beginnen nach denen mit den feuerroten Haaren zu suchen. Vor allem habe ich aus dieser Erfahrung gelernt, das Tempo vorzugeben, wenn ich in Verhandlungen gehe. Ich habe mir Verhaltensmuster antrainiert, bin durch eine harte Schule gegangen. Ich habe Tourette, ein anderer hat Krebs, ein anderer ist blind, und wieder ein anderer wird rot, wenn er vor Menschen sprechen muss. Würde ich meine Schwäche als Erklärung benutzen, dass ich dieses und jenes nicht kann, hätte ich schon verloren. Ich zucke nun mal, das tut mir leid für mich, aber so ist es ganz einfach, das gehört zu meinem Rucksack. Man muss lernen, seine Situation zu akzeptieren. Was dich nicht vom Stuhl haut, macht dich stark!
Herr Niederberger, vielen Dank für dieses Gespräch! tw
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